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Mein Elternhaus
Die Tage meiner Kindheit sind lange vorbei, doch die Zeit in meinem Elternhaus kommt mir noch oft, und gerade jetzt in meinen „alten Tagen“ in den Sinn. Glückliche und auch manchmal bange Stunden kehren in mein Gedächtnis zurück und ich meine, mich noch genau an manche Einzelheiten, an manche Kleinigkeit und Erlebnisse erinnern zu können. Hier wurde ich geboren und hier verbrachte ich meine Kindheit und Jugendjahre.
Es war ein bescheidenes, kleines Fachwerkhaus, das da in Weimar, in der heutigen Dörnbergstraße stand (früher Hausnummer 48, ab 1939 Dörnbergstraße 3). Früher, in meinen Kinderjahren, nannte man diese Ecke des Dorfes „Auf der Brücke“, wohl wegen der Nähe des Dorfbaches, der noch immer beschaulich durch das Dorf fließt und über den wohl schon immer eine Sandsteinbrücke führte. Die Straße vor unserem Haus war schon damals eine der wenigen Dorfstraßen, die mit Basaltsteinen vom Bühl gepflastert war. Das Haus selbst, in Fachwerkbauweise errichtet, war natürlich viel älter als die gepflasterte Straße, so um 1750 erbaut. Wer der Bauherr war, lässt sich heute kaum noch ermitteln, aber mein Großvater muß es wohl so Anfang des 20.Jahrhunderts erworben haben. Zum Haus gehörte ein etwa 2.400 m² großes Grundstück, das er später aufteilte und an zwei seiner Kinder als Bauplätze von je 800 m² vererbte. Das beim Haus verbliebene Grundstück war auch ca. 800 m² groß, ausreichend für einen Gemüse- und Obstgarten. Auf diesem Grundstück fand ich bei einer Baumaßnahme beim Ausschachten der Baugrube im Jahre 1985, neben vielen Tonscherben, auch einen noch gut erhaltenen Tontopf, der von Fachleuten der staatlichen Kunstsammlungen Kassel auf etwa 800 Jahre geschätzt wurde. Hieraus ist zu schließen, dass dieses Grundstück schon seit Gründung des Dorfes unseren Vorfahren als Wohnplatz diente. Das damals bestimmt noch saubere und klare Wasser des nahen Baches von den Hängen des Dörnberges bot ja die besten Voraussetzungen dafür.
Das Haus Das Haus war ein einfacher, schmuckloser Fachwerkbau im fränkisch/hessischem Stil aus Eichenholz errichtet. Es hatte mit den prachtvollen Fachwerkhäusern, die noch heute eine Zierde mancher mittelalterlicher Städte sind, nichts gemein. Es war ein schlichter Zweckbau, den Bedürfnissen der nicht gerade begüterten Landbevölkerung angepasst. Die größeren Häuser der Bauern waren oft mit Sinnsprüchen, den Namen der Bauherrn und dem Jahr der Erbauung, auf den tragenden Balken über dem Hauseingang versehen. Die Grundmauern waren aus roh behauenen Tuffsteinblöcken, mit Sand und Kalk ohne jegliche Isolierung zusammengefügt. Sie bildeten die Auflage für die unterste Balkenlage und der gesamten Fachwerkkonstruktion. Die Ausfachung dieser aus Eichenbalken gefertigten Konstruktion bestand aus einem eingefügten Holzgeflecht und mit Stroh vermischten Lehm. Auf dieselbe Art waren auch die Zimmerdecken erbaut. Die Fußböden waren aus breiten Dielen aus Fichtenholz angefertigt und mit Nägeln auf den Balkenlagen befestigt. Diese Bodendielen wurden in früherer Zeit mit Sand blank gescheuert, später mit brauner Fußbodenfarbe gestrichen. Die Zimmerdecken waren ebenso wie die Innenwände mit Lehm verputzt. Dem Lehm war meist kleingeschnittenes Stroh oder Schweinehaar hinzugefügt. Die Decken wurden mit Kalk weiß gestrichen, die Wände etwas farblich abgesetzt und oft auch noch mit einem in andere Farbe getauchten, zusammengerollten Tuch verschönt. Wer es aber besonders schön haben wollte, klebte Tapeten an. Das war aber bei dem ungeraden Lehmputz bestimmt keine schöne Arbeit. Die Außenfassade des Hauses war zur Straßenseite hin mit einem Gemisch aus Sand und Lehm mitsamt den Eichenbalken verputzt. Die Fenster, in Größe der Gefache mit je sechs kleinen Glasscheiben, waren aus Tannenholz gefertigt und weiß gestrichen.
Das Dach Der Dachstuhl war ebenfalls aus Eichenbalken in der damals üblichen Bauweise als Satteldach gezimmert. Die Dachlatten aus roh behauenem Eichenholz dienten als Auflage für die aus Ton gebrannten Hohlziegeln. Die sogenannten „Strohdoggen“, das waren aus einer handvoll Stroh gefertigte Bündchen, wurden als Schutz gegen winterlichen Flugschnee von Innen zwischen die Dachziegeln gesteckt. Nur auf der Rückseite des Hauses war eine Dachrinne angebracht, auf der Vorderseite floss das Regen- und Schmelzwasser ungehindert auf das Basaltpflaster der Straße und von dort in den Bach.
Die Wohnung im Haus Der Hauseingang befand sich zur Straßenseite hin an der Längsseite des Hauses. Über eine dreistufige Sandsteintreppe gelangte man durch die zweiflügelige Haustür in einen nur wenige Quadratmeter großen Vorraum, dem „Hausherrn“ (Wimmersch: Huhsherrn). Von hier aus führte eine schmale Holztreppe auf der rechten Seite in das obere Geschoss des Gebäudes. Geradeaus weiter stand man, nach einer Stufe, vor der Tür der Küche. Neben der Küche gab es noch eine kleine, äußerst niedrige Kammer, in der Platz für die Betten meiner Großeltern war.
Die Küche Der einzige zu jeder Jahreszeit beheizte Raum des Hauses war die Küche. Hier diente der Küchenherd neben seiner eigentlichen Bestimmung als Kochstelle auch als Wärmespender für die ganze Familie. Beim flackernden Schein des Feuers durch die geöffnete Herdtüre, saß die ganze Familie oft in der Dämmerung des frühen Abends gemütlich zusammen. So sparte man schon damals elektrischen Strom. Heises Wasser war in dem Schiffchen (der Blase) meist auch genügend vorhanden. In den übrigen Räumen gab es noch einen gusseisernen Kachelofen und einen runden sogenannten Kanonenofen, die aber kaum einmal beheizt wurden. Mittelpunkt des Hauses war also die Küche. In ihr befand sich in meiner Kindheit auch ein Radio, das aus der einzigen Steckdose im Hause seinen zum Betrieb benötigten Strom bezog. Die einzige Wasserstelle im Haus war auch in der Küche installiert. Hinter dem Wasserhahn war ein gusseisernes, emailliertes Waschbecken (die Gosse) angebracht. Ein kleiner Spiegel darüber und fertig war die Waschgelegenheit, an der sich Großvater mit seinem Rasiermesser rasierte. Eine Holzbank ohne Rückenlehne, ein Tisch davor und ein paar Stühle, sowie ein Küchenschrank mit zwei Glastüren im oberen Teil komplettierten die Einrichtung. Neben der Küchentür stand der mit Brennholz, den „Kliwweren“, immer gut gefüllte Holzkasten. Das war ein von allen begehrter, schöner warmer Sitzplatz in der Nähe des Herdes. Doch dann gab es noch einen Handtuchhalter an der Wand mit einem eingestickten sinnvollen Spruch (Trautes Heim-Glück allein).
Die Wohnstube Dann gab es auf der linken Seite des Vorraums noch eine weitere Tür, durch die man über weitere Stufen die Wohnstube, neben der schon erwähnten Kammer der einzige unterkellerte Raum des Hauses, betreten konnte. Es widerstrebt mir noch heute, diesen sehr niedrigen Raum als Zimmer zu bezeichnen, obwohl seine Einrichtung doch eine gewisse Behaglichkeit ausstrahlte, Ein Tisch, ein Sofa und ein paar Stühle waren neben einem Vertiko an der Wand das ganze Mobilar. Über dem Sofa hing an der Wand eine Pendeluhr (Regulator) und ein einige alte teilweise stark vergilbte Konfirmationsbilder sowie ein Bild meiner längst verstorbenen Großmutter. Ein in kleiner Platz war Mutters Nähmaschine vorbehalten und dann in der Ecke hinter der Eingangstür noch ein gusseiserner Kachelofen, der aber meist nur einmal im Jahr zur Weihnachtszeit beheizt wurde.
Der Keller Im Fußboden des Raumes, unter dem Tisch, war aus den Dielenbrettern eine viereckige Öffnung in Größe von etwa 30cm x 30 cm herausgesägt und mit einer Klappe wieder verschlossen. Zur Herbstzeit, in den Tagen der Kartoffelernte, diente diese Vorrichtung dazu, die frischen Kartoffeln in den darunter liegenden Keller zu befördern. Hierzu wurde besagtes Loch im Fußboden geöffnet, ein ausgedienter Weidenkorb ohne Boden diente als Trichter, in den dann die Männer die auf ihrem Rücken herein geschleppten und prall gefüllten Kartoffelsäcke entleerten. Der festgestampfte Lehmboden des Kellers war zuvor mit frischem Stroh ausgepolstert worden. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welche Mengen Staub und Schmutz auf diese Weise in das Haus getragen wurden und welche Mühe es kostete, alles wieder sauber zu bekommen- Staubsauger gab es ja noch lange nicht. Man konnte diesen Keller von dem schon beschriebenen Vorraum dem „Huhsherrn“ über eine schmale Steintreppe betreten. Das war aber für ausgewachsene Bewohner gar nicht so leicht, denn über der Treppe befand sich zum Aufbewahren von kleinen Geräten und den Essig- und Ölflaschen noch ein kleiner Verschlag (der Kellerhals)- und der Keller hatte ja auch nur eine Höhe von ca. 1,30m! Die Futterrüben für das Vieh (die „Dickworzelen“) wurden durch ein Loch in der Hauswand in den Keller geworfen. Dieses Loch diente auch zur Belüftung des Raumes und wurde im Winter mit einem mit Stroh gefüllten Jutesack zugestopft. Dann war der Keller total dunkel, elektrische Beleuchtung gab es nicht. Als Lichtquelle diente eine „Sturmlaterne“ (Petroleumlampe), bei deren spärlichen Licht man die Vorräte aus dem Keller holte und oft schon mal in eine faule und stinkende Kartoffel hineinfasste.
Das Obergeschoß Über eine auch schon erwähnte Treppe erreichte man vom Vorraum (dem „Huhsherrn) aus die Wohnung meiner Eltern. Rechts am Ende der doch recht steilen und engen Holztreppe kam man durch eine Vorgangstür mit Glasausschnitt in einen ca. 4 x 4 m großen Raum. Von dort führte eine Tür in die Küche und eine weitere Tür in das Schlafzimmer und eine kleine Kammer. Linksseitig gab es noch einen Raum, der zumeist zum Aufbewahren der Wurst- und Fleischvorräte genutzt wurde. Auf der linken Seite lag auch die über den Stallungen liegende „Bodenkammer“, in der u.a. einige Säcke mit Brotgetreide und Mehl gelagert wurden. Von dort aus führte eine einfache Treppe auf den Dachboden.
Der Dachboden Der Dachboden diente in der Hauptsache als Lager für die Heu- und Strohvorräte und für das als Tierfutter benötigte Getreide. Letzteres war dann natürlich ein bevorzugter Leckerbissen für die zahlreichen Mäuse, die sich hier tummelten. So gehörte in so ein Haus auch immer eine Hauskatze, die dort ihre Jungen aufzog und ausreichend Nahrung fand. Die Strohbunde und das Heu wurden mittels eines dicken Hanfstrickes, dem Balkenseil (oder Benseseil), an dem ein einfacher eiserner Haken oder der große Heuhaken befestigt war, vom vor dem haus stehenden Leiterwagen auf den Boden gezogen. Das Seil lief über den „Keffer“, eine zumeist eiserne Rolle, die an einem aus dem Erker herausragenden Rundholz befestigt war.
Die Scheune Die Scheune, so nannten wir den Raum, der eigentlich überhaupt keine richtige Scheune war, sondern eher ein Abstell- oder Lagerraum. Hier gab es z.B. einen Verschlag für die Kohlenvorräte –Braunkohle und Briketts - für den Winter und einen Platz für die Handwagen und das Jauchefässchen. Vom Dachboden aus konnte man durch die „Bodenluke“ Stroh und Heu in diesen Raum hinab werfen
Der Stall Stroh und Heu wurden dann durch die Stalltür in den Stall für die Haustiere- Ziegen und Schweine- geschafft. Dieser Stall war aufgeteilt in einen etwas größeren Raum für 2-3 Ziegen und einen kleinen Verschlag für die im Frühjahr neugeborenen Lämmer. Auf der linken Seite befanden sich zwei Schweineställe. Über dem einen dieser Ställe war aus rohen Brettern der Hühnerstall (Wimmersch: Höhnerdengen) mit den Nestern angebracht. Durch eine kleine Klappe in der Außenwand wurden die Hühner morgens in den Hof hinter dem Haus herausgelassen. Der anfallende Stallmist wurde durch eine Tür auf den neben dem haus befindlichen Misthaufen geschafft. Der war dann auch, besonders an heißen Sommertagen, genau wie die Ställe ein Tummelplatz für riesige Fliegenschwärme. Dann gab es in diesem Stall auch noch etwas, das wohl am meisten besuchte „Örtchen“ des Hauses, den Abort (Wimmersch: Abbee), ein durch eine Tür zum Stallgang verschlossenes „Plumsklo“. Elektrische Beleuchtung gab es in diesem Teil des Hauses keine. Im „Bedarfsfalle“, zur Nachtzeit, diente eine Petroleumlampe als Lichtquelle. Die „Hinterlassenschaften“ von Mensch und Tier wurden in einer Jauchegrube gesammelt und dann von zeit zu Zeit als Dünger auf die Felder verbracht. Auch eine der „schönen Dinge“ in der guten alten Zeit, aber auch ein von den Nachbarn kaum noch kritisierter Bestandteil der guten Luft auf dem Lande.
Das war nun aus meiner Erinnerung heraus eine Beschreibung des Zustandes meines Elternhauses in meiner Kinderzeit. Nach dem 2.Weltkrieg, als sich die Zeiten besserten und die Ansprüche der Menschen in diesem Lande größer wurden, kam es auch in unserem Haus zu einigen baulichen Veränderungen. So wurde die Außenfassade teilweise mit massivem Mauerwerk unterfangen und erhielt einen neuen Putz, ein Bad mit WC und einer Waschküche wurde eingerichtet. Aber an der Höhe der Zimmer war aufgrund der Fachwerkbauweise nichts zu ändern, so dass sich weiterer Umbau des alten Hauses nicht mehr lohnte, zumal es auch dicht an der vielbefahrenen Dörnbergstraße stand und dem Ausbau der Straße und eine Bürgersteiges an dieser Stelle im Wege stand.

So entschlossen wir uns, hinter dem alten Gebäude einen Neubau zu errichten. Nach dessen Fertigstellung im Jahre 1969 wurde das alte Gebäude abgerissen. Ein Teil der fast 300 Jahre alten, aber immer noch gut erhaltenen Eichenbalken wurden danach noch zur Einfriedigung der Müllkippe genommen und erinnerten so noch einige Jahre an unser altes Haus an der Brücke.
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